Ökonomie als Weltreligion

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Wirtschaftliche Sachzwänge bestimmen weite Bereiche unseres individuellen und gesellschaftlichen Lebens und setzen den Rahmen für die Gestaltungsmöglichkeiten von Politik. Alles, was sich rechnet, hat in der Marktwirtschaft die Chance, realisiert zu werden, und dies um so eher, je grösser die davon zu erwartenden Gewinne sind. Was dagegen Verluste bringt oder diese befürchten lässt, ist auf private oder öffentliche Unterstützung angewiesen und hat es ungleich viel schwerer - insbesondere in Zeiten, in denen die öffentlichen Mittel knapp geworden sind.

Die «Gesetze des Marktes» haben sich in ihrem Wirkungsbereich seit Jahrhunderten über Europa hinaus ausgedehnt - durch Fernhandel, Kolonialismus und die Entfaltung des Weltmarkts.

Waren es früher Armeen , mit denen andere Länder und Kontinente erobert und unterworfen wurden, so sind es inzwischen Unternehmen und Konzerne, die weltweit neue Märkte erobern. Diese Prozesse haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt, und über Jahrhunderte hinweg gab es und gibt es auch eine Wissenschaft, die diese Prozesse beschreibt, legitimiert, mit vorantreibt und diskutiert: Gemeint sind die Wirtschaftswissenschaften, die immer wieder mit dazu beigetragen haben, wirtschaftliche Realität zu gestalten, zu legitimieren und die Welt auf die eine oder andere Weise umzuformen. Ihr Anteil an diesen Umformungsprozessen ist den wenigsten Menschen bewusst, und für die meisten ist er viel zu undurchsichtig, um ihn begreifen zu können. Während sie auf der einen Seite den Gesetzen des Marktes und ihren Folgen unterworfen sind, vertrauen die meisten Menschen denjenigen, die diese Gesetze formuliert oder legitimiert haben, und den Instanzen, die deren Durchsetzung erzwingen.

Der Glaube an die ökonomische Vernunft ist längst zu einer neuen Weltreligion geworden, nachdem die alten Religionen - jedenfalls in unseren Breiten - mehr und mehr an Überzeugungskraft und Akzeptanz verloren haben. Nur wird diese neue Weltreligion nicht in den Kirchen gepredigt, sondern in den Universitäten und Fachhochschulen; und die Quintessenz ihres Glaubens ist längst eingeflossen in die Schulbücher, in die Massenmedien und in das Denken und Handeln von Politikern und Gewerkschaftlern. Und jeder weiss: Wer die Gesetze des Marktes verletzt oder sich ihnen widersetzt, hat Schlimmes zu befürchten. Die Strafe folgt auf dem Fusse, und zwar nicht erst im Jenseits, sondern schon auf Erden: Das Unternehmen macht Konkurs, die politische Partei verliert die Wahlen, die Gewerkschaften verlieren ihre Mitglieder, und der einzelne Lohnabhängige oder Wissenschaftler verliert seinen Arbeitsplatz - mit Ausnahme weniger Nischen, in denen abweichendes Denken und Verhalten sozusagen als Narrenfreiheit noch geduldet wird.

Mit Fassungslosigkeit, mindestens mit Unverständnis stehen viele moderne Menschen dem Absolutheitsanspruch des Papstes, seiner Bischöfe und Priester oder auch der Mullahs und Ayatollahs gegenüber. Dass aber längst auch die weltliche Wirtschaftswissenschaft Heilslehren verkündet und sich zu einem Glaubenssystem mit Unfehlbarkeitsanspruch entwickelt hat, ist den meisten weitgehend verborgen geblieben. An die Stelle des kirchlichen Gottes ist für sie der Gott des Marktes, der »Marktgott« getreten - als scheinbarer Inbegriff höherer Weisheit.

Zwei Unterschiede zwischen kirchlichem Gott und Marktgott sind allerdings augenfällig: Der erste Unterschied besteht darin, dass bei der Erfüllung göttlicher Gesetze das Paradies im Himmel winkt, während bei Erfüllung der Marktgesetze das Paradies auf Erden versprochen wird. Das kirchliche Versprechen ist schwer überprüfbar, man kann es glauben oder nicht. Aber das Versprechen der Ökonomen bezieht sich auf das Diesseits - und sollte entsprechend auch an den Erfolgen oder Misserfolgen ihres Glaubenssystems auf Erden gemessen werden.

Der zweite Unterschied liegt darin, dass zumindest das christliche Glaubensbekenntnis den »Schuldigern« noch vergibt: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.« Das moderne Glaubensbekenntnis des Marktes tut das nicht: Es fordert vielmehr mit Unbarmherzigkeit und Unerbittlichkeit die Rückzahlung der Schulden von den Schuldnern: vom Staat, von den Unternehmen, von den Haushalten, von ganzen Ländern und global betrachtet insbesondere von der Dritten Welt. Mit wenigen Ausnahmen gewährt es keinen Schuldenerlass, sondern stellt harte Bedingungen, die an die Vergabe immer neuer Kredite geknüpft werden.

Auch die modernen Priester der Ökonomie kleiden sich in ein Priestergewand, in das Gewand der Wissenschaft, und sprechen eine Sprache, die das gemeine Volk nicht versteht. Sie fordern auf ihre Art den blinden Glauben an die Gesetze des Marktes und der »wirtschaftlichen Vernunft«. Innerhalb der Wirtschaftswissenschaft hat es über Jahrhunderte hinweg immer wieder heftige Glaubenskämpfe gegeben, es haben sich Hauptströmungen herausgebildet, von denen mal die eine und mal die andere die Oberhand gewonnen hat, aber auch »ketzerische« Nebenströmungen, die mehr oder weniger ausgegrenzt wurden.

Kennzeichnend für die verschiedenen Richtungen der Ökonomie scheint bisher gewesen zu sein, dass sie jeweils auf einem Auge sehend, auf dem anderen aber blind waren. Oder anders ausgedrückt, dass ihr Blick für die Realität mehr oder weniger - und auf unterschiedliche Weise - durch verschiedene blinde Flecken getrübt war.

Problematisch daran ist nicht , dass es immer wieder solche blinden Flecken gegeben hat und gibt, sondern dass die auf unterschiedliche Art getrübten Sichtweisen sich jeweils als die ganze Wahrheit ausgaben und ihren Absolutheitsanspruch durchzusetzen versuchten - bis das jeweils Verdrängte sich sein Recht zum Teil mit Gewalt einforderte und Korrekturen in der Theoriebildung und in der Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse erzwang. Bislang Verdrängtes rückte dadurch ins Blickfeld, und so bestanden immer wieder Chancen, verzerrte Wahrnehmungen zu korrigieren. Was aber statt dessen im Bereich der Wirtschaftswissenschaft durch die Jahrhunderte hindurch geschehen ist, folgt nur wenig dieser Möglichkeit fortschreitender Bewusstseinsentwicklung, sondern lässt sich mehr als ein Prozess wechselnder Verdrängungen interpretieren: An die Stelle der einen Trübung trat eine andere, mit jeweils problematischen bis verheerenden Konsequenzen für die soziale Realität.

Wenn es nur «Bewusstseinstrübungen» von Menschen wären, die sich in den vermeintlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückgezogen haben, dann wäre vieles einfacher. Aber ihr Denken war (und ist) vielfach prägend für die Gestaltung der Lebensbedingungen von Millionen oder Milliarden von Menschen auf dieser Erde. Dieser Meinung war schon John Maynard Keynes, einer der bekanntesten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. 1936 schrieb er in seinem Hauptwerk >Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes<: »(...) die Gedanken der Ökonomen und Staatsphilosophen, sowohl wenn sie im Recht, als wenn sie im Unrecht sind, (sind) einflussreicher, als gemeinhin angenommen wird. Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellem Einfluss glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen. Wahnsinnige in hoher Stellung, die Stimmen in der Luft hören, zapfen ihren wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfasste.«

Deshalb sollte die Gesellschaft die Priester der Ökonomie nicht einfach predigen lassen und blindlings danach handeln, sondern sich genauer ansehen und anhören, worum es bei den von ihnen verkündeten Weisheiten eigentlich geht. Das setzt allerdings voraus, dass deren Schriften erst einmal aus ihrer Wissenschaftssprache ins Deutsche übersetzt werden - in eine allgemeinverständliche Sprache und Darstellungsform, die es vielen Menschen überhaupt erst möglich macht, sich mit ihren Gedanken und deren Konsequenzen jeweils näher und kritisch auseinanderzusetzen.

Anstelle dogmatischer Erstarrungen der unterschiedlichsten Ausprägungen gilt es, ein offenes System des Denkens und der Wahrnehmung zu entwickeln.

Nur offene Systeme sind langfristig lebens- und überlebens-fähig, geschlossene und starre Systeme gehen an ihrer eigenen Starrheit zugrunde. Das gilt auch für Denksysteme, insbesondere wenn sie - wie die Ökonomie - den Anspruch haben, die Lebensgrundlagen auf dieser Erde langfristig sichern zu helfen. Es kann doch eigentlich nur darum gehen, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Geschöpfe dieser Erde möglichst weitgehend in ihr Entfaltungspotential hineinwachsen können, zu möglichst voller Blüte und Reifung sich entwickeln können: Männer wie Frauen, Kinder wie Alte, Schwarze wie Weisse, Rote wie Gelbe, Stämme wie Völker, Tiere wie Pflanzen, Himmel wie Erde. Kurz: dass der lebende Organismus Erde, der in den letzten Jahrhunderten durch die industrielle Entwicklung und verstärkt in den letzten Jahrzehnten immer mehr geschädigt worden ist, in allen Teilen wieder gesunden kann.

Die Schaffung einer insoweit heilsamen, naturverträglichen Ökonomie wird eine wesentliche und notwendige Voraussetzung für einen globalen Heilungsprozess und für eine Heilung des krank gewordenen sozialen Organismus der Industriegesellschaft sein. Um auf diesem Weg voranzukommen, müssen wir uns auch der blinden Flecken der Ökonomie bewusst werden, damit wir sie überwinden können. Und weil die Lösung dieser Aufgabe am wenigsten von denen zu erwarten ist, die in ihrer eigenen Blindheit gefangen sind, bedarf es vor allem auch der ganz normalen Menschen, der Nicht-Experten, die vielfach noch offener für neue und erweiterte Sichtweisen sind. Es ist sicherlich kein Zufall, dass umwälzend neue Sichtweisen - nicht nur im Bereich der Wirtschaftswissenschaften - vielfach von Aussenseitern entwickelt wurden, während die jeweiligen Experten oft von Blindheit geschlagen waren.

 

Bernd Senf, Die blinden Flecken der Ökonomie, Vorwort, Gauke, ISBN 978-3-87998-452-7, vgl Bücherliste

 

Weitere Infos: www.berndsenf.de/

 

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