Kompl. Währungen in Argentinien

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Der Crédito
(span. für Kredit bzw. Glaubwürdigkeit) war eine argentinische Komplementärwährung, die am 1. Mai 1995 in Bernal, Provinz Buenos Aires, auf einem Flohmarkt ihren Anfang fand. Der Betreiber der Währung war das "Red Global de Clubes de Trueque Multireciproco" (RGT).

Die Währung begann als Tauschkreis, wurde aber schnell durch gedruckte Währungen ersetzt. Nach weiteren Experimenten mit einem "nodine" genannten Tauschkreis (no dinero, kein Geld) wurden Créditos letztlich als gedruckte Währung verbreitet.
Das RGT war organisiert als ein Netzwerk von Tauschclubs mit Teilnehmern aus einer gebildeten Mittelklasse, die durch die Argentinien-Krise in den späten 1990ern arbeitslos geworden waren.

Der Crédito war eine zinslose Währung, die im Wert dem Argentinischen Peso gleich sein sollte. Geschätzte 400 Millionen US-Dollar an Gütern und Waren wurden im Jahr 2000 mit Créditos gehandelt.

 

 

Das System wurde in allen Provinzen Argentiniens eingesetzt und hatte für eine begrenzte Zeit eine akzeptable Zuverlässigkeit. Als die Lage der nationalen Ökonomie sich weiter verschlechterte, nahm die Zahl der Teilnehmer in den RGT-Clubs jedoch rapide zu und eine wachsende Prozentzahl gab Créditos aus, ohne ausreichend Waren oder Dienste anzubieten. Das System litt unter Hyperinflation und Fälschungen. Zwischen 2002 und 2003 erweiterte die Regierung die Arbeitslosenversicherung von vorher 0,2 Millionen Berechtigten auf 2,5 Millionen Berechtigte und machte damit den Peso einer Bevölkerungsschicht wieder als Zahlungsmittel zugänglich, die Créditos nutzte.

Im Jahr 1998 war im Anlegermagazin «Börse online» über Argentinien als «attraktive Anlagechance» zu lesen. Eine «vorbildliche Öffnung für den Weltmarkt» und «konsequente Haushaltskonsolidierung» verbunden mit weiteren Reformen liessen eine «Fortsetzung des Wachstumskurses» erwarten.

Keine zehn Jahre später klingt das wie ein Hohn. In den Jahren des Grauens ab Ende 2001 kam über die Argentinier ein veritabler ökonomischer Super-GAU mit galoppierender Inflation, Ausradierung des Mittelstands, Unterversorgung mit Nahrungsmitteln, Plünderungen, Run auf die Banken und einem Beinahe-Staatsbankrott. Die Zeitbombe begann 1991 zu ticken. Argentinien hatte den Krieg um die Falkland-Inseln, die Militärdiktatur und eine Hyperinflation überstanden.

Nach der Währungsreform wurde der neue Peso im Verhältnis 1 :1 an den US-Dollar gekoppelt, um die Inflation in den Griff zu bekommen und das Vertrauen internationaler Investoren zu gewinnen. Dies geschah fast auf dem Tiefststand des internationalen Dollarkurses. Man hoffte, so genug internationale Investitionen anzuziehen, um der chronisch defizitären Wirtschaft eines Schwellenlandes beizukommen, das einst über eine beachtliche industrielle Basis verfügte, die aber durch fehlende Investitionen, Dollarbindung und Konkurrenzdruck des Nachbarn Brasilien weitgehend zerstört worden war. Zwar stellte sich ein bemerkenswerter Wirtschaftsaufschwung ein, doch die Rohstoffpreise verfielen weiter, und der Dollar begann zu steigen. Dies belastete die Handelsbilanz zunehmend und trieb den Peso immer weiter in die Überbewertung. Im November 2001 begannen die verzweifelten Sparer, ihre Pesos von den Banken abzuheben und in Dollars zu tauschen. Um nicht zusammenzubrechen, schlossen die Banken die Schalter und rationierten die Auszahlungen. Doch die Dollarreserven der argentinischen Zentralbank schmolzen weiter dahin. Wegen der Dollarbindung musste sie die umlaufende Pesomenge entsprechend reduzieren, was der Wirtschaft die Luft abschnürte. Im Dezember 2001 wurde der Peso vom Dollar abgekoppelt und verlor binnen weniger Monate fast 75 Prozent seines Werts. Die Staatsfinanzen brachen mit der Wirtschaft zusammen, und der Staat stellte seine Zahlungen in Peso weitgehend ein. Die argentinische Zentralbank beschränkte die Geldmenge extrem; sie betrug pro Kopf schliesslich nur noch ein Viertel von derjenigen in Grossbritannien. Zwischen Oktober 2000 und Oktober 2002 stieg die Zahl der Armen von 28 auf 58 Prozent, und die Zahl der in extremer Armut Lebenden von 9 auf 25 Prozent. Mit anderen Worten, ein Viertel der Bevölkerung hatte Hunger und war obdachlos. Das Durchschnittseinkommen der Argentinier sackte durch Massenarbeitslosigkeit und Lohnsenkungen ins Bodenlose, während die Lebenshaltungskosten allein im Jahr 2002 um mehr als 70 Prozent anstiegen. Dies führte zu einer dramatischen Verschlechterung des Lebensstandards; Nahrungsmittel, Artikel des täglichen Bedarfs, Telefon, Wasser, Strom waren für weite Bevölkerungsteile fast unerschwinglich geworden.


Von Anfang an zeitigte die neoliberale Öffnung Argentiniens zum Weltmarkt die typischen Folgen der Globalisierung: Zunehmende Verarmung besonders des Mittelstands, sinkende Realeinkommen, steigende Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und gesellschaftliche Polarisierung. Parallel dazu formierte sich jedoch eine ökosoziale Bewegung, zunächst vor allem getragen von der Nicht-Regierungsorganisation «Programa de Autosuficienicia Regional» (PAR), dem «Programm für regionale Selbstversorgung». Am 1. Mai 1995 organisierte das PAR den ersten nachbarschaftlichen Tauschmarkt mit etwa 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Zu Begin achtete man verstärkt darauf, dass sich in den Tauschmärkten nicht dieselben Muster und Prozesse wie im formalen Markt wiederholten: Anonymität, Spekulation, Betrug, Akkumulation von Geld, Macht und Kapital. Im grossen, formellen Markt ist diesen Erscheinungen nur durch Regulierung, Bürokratisierung und staatlichen Zwang beizukommen.

Generell wollen Tauschmärkte die dunklen Seiten der Marktwirtschaft durch Überschaubarkeit, persönliche Vertrauensbeziehungen und soziale Kontrolle bannen, wozu regelmässige Gruppenrituale und Gesprächsrunden dienen, in denen unter anderem «gerechte» Preise für begehrte Güter festgesetzt und wirtschaftliche Grundkenntnisse vermittelt werden.


Armut wurde als schlichtes Missverständnis aufgefasst: «Arm ist, wer mit dem unzufrieden ist, was er besitzt und widerwillig nach dem strebt, was er begehrt und nicht zu verdienen glaubt.» Man verstand sich als «Bewusstseinsarbeiter» und praktizierte, was man erkannt hatte: dass Solidarität das beste Geschäft ist und Wohlstand ein Ausgangspunkt und kein Ziel, dass man wohlhabend ist, indem man seine Fähigkeiten, Ideen und Beziehungen erkennt und nutzt. Die Tauschmärkte wurden überwiegend von Frauen ab 40 und ihren Kindern getragen, was die solidarische Ökonomie auch zur praktizierten «weiblichen» Wirtschaft machte und als Gegenmodell zum patriarchal geprägten neoliberalen Kapitalismus etablierte.


Doch die Dinge entwickelten sich anders: Die Massenverarmung, die sich parallel zu dem sich seit 1998 beschleunigenden wirtschaftlichen Abschwung in ungeahntem Ausmass ausbreitete, sorgte für einen dramatisch zunehmenden Andrang Notleidender in die Tauschmärkte.

Kurzfristig haben nach dem Zusammenbruch des offiziellen Währungssystems komplementäre Währungen den Zahlungsverkehr übernommen und konnten eine noch schlimmere Katastrophe verhindern. Obwohl das Ausmass der argentinischen Krise das der «grossen Depression» in Deutschland mindestens erreichte, sind Argentinien Faschismus, Diktatur oder Krieg nach Ende 2001 erspart geblieben – nicht zuletzt dank komplementären Währungen bzw. den Tauschringen. Diese waren aber in Folge der dramatischen Ereignisse vollkommen überfordert. Intransparenz und fehlende soziale Kontrolle führten ironischerweise weniger als ein Jahr nach dem Crash der argentinischen Wirtschaft auch zum Zusammenbruch des Tauschhandels. Das argentinische Drama macht deutlich, dass eine Regionalwährung gegenüber der Landeswährung möglichst wenig Nachteile und möglichst viele Vorteile aufweisen muss, um sich gegenüber der schieren Grösse des formellen Markts zu behaupten. Die Regiowährung sollte über eigene Läden und regelmässige Märkte verfügen, die möglichst auch die Versorgung mit Grundstoffen sicherstellen, indem Gartenbau, Tierhaltung, Forst- und Landwirtschaft sowie Handwerk und Recycling einbezogen werden.

Dass die Banken in den letzten Monaten ein äusserst sensibles und störungsanfälliges Gebilde auf dem Weltmarkt darstellen, haben wir spätestens durch die UBS und CS-Krise erfahren. Die Lage ist ernst und die Krise scheint noch nicht ausgestanden zu sein. Was dies bedeutet für den Mittelstand und die Unterschicht, hat Argentinien Ende 2001 erlebt. Dieser Crash war den Medien aber nicht mehr Wert als ein paar Bilder und Worte in den Abendnachrichten, als die aufgebrachten Menschen vor geschlossenen Banken standen und ihre Ersparnisse herausforderten. Was weiter geschah in Argentinien, ist den wenigsten bekannt.

 

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