Das Experiment von Langenegg

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Das Geld im Dorf lassen
– Einkaufen mit Komplementärer Währung: Im österreichischen Langenegg bezahlt man neben Euro mit “Talenten“. 150 neue Jobs sind in dem 1.100-Seelen-Ort entstanden.

TAZ-Artikel von Annette Jensen, 19.11.2010, Artikel in voller Länge:

 

Vor fast hundert Jahren lebte im österreichischen Vorarlberg ein Bauer, dessen Äcker in der Mitte zwischen zwei Dörfern lagen. Ständig gab es Streit zwischen den Leuten in Ober- und Unterlangenegg. Das ging dem Bauern gehörig auf die Nerven – und weil er zu Lebzeiten nichts daran ändern konnte, schrieb er in sein Testament: Wenn sich die beiden Dörfer zusammenschliessen, vermache ich meinen Grund der Gemeinde Langenegg. Sollten sie getrennt bleiben, wird alles dem Nachbarort übertragen. Da beschlossen die Ober- und Unterlangenegger, fortan zusammenzuarbeiten, und bauten später ihr Rathaus in die Mitte.


Darin sitzt heute Bürgermeister Georg Moosbrugger, ein Mann ohne Parteibuch, genau wie alle anderen Volksvertreter in der 1.100-Seelen-Gemeinde. “Uns beneiden viele darum, dass es bei uns keinen Fraktionszwang gibt. Das ist wohl auch der Grund, warum vieles klappt“, mutmasst der smarte 52-Jährige.

Manchmal kommen ganze Busladungen voll Lokalpolitiker in das Dorf etwa 20 Kilometer westlich vom Bodensee, um zu erfahren, wie die Gemeinde es schafft, eine internationale Auszeichnung nach der nächsten abzuräumen. Erst im September hat sie den europäischen Dorferneuerungspreis eingeheimst.

Einen zentralen Anteil daran hat Langeneggs eigene Währung, die die Gemeindevertreter vor zwei Jahren einstimmig eingeführt haben. Die “Talente“-Scheine mit Fotomotiven aus dem Dorf können im Lebensmittelladen, bei der Käserei, im Café, beim Tischler, dem Elektrotechniker, der Kfz-Werkstatt oder beim Frisör eingelöst werden.

In der Raiffeisenbank verwandeln die Mitarbeiter jeden Monat jeweils 25 bis 300 Euros von Kundenkonten in das Regionalgeld. Die Gutscheine stecken sie in Briefumschläge, die die inzwischen 68 Abonnenten im benachbarten Postlädele abholen können. Über 10.000 Euro sind das inzwischen monatlich.

Wer mitmacht, bekommt beim Einkauf einen fünfprozentigen Rabatt, den die Gemeinde aus ihrem Steuersäckel finanziert. “Es geht uns dabei vor allem um Bewusstseinsarbeit: Die Leute sollen nachdenken, wo sie ihre Euros hinrollen lassen“, so Bürgermeister Georg Moosbrugger, ein ausgebildeter Sonderpädagoge.


Der Dorfladen läuft gut dank Regiogeld

“Am Anfang gab es einen Aufschrei: Was, schon wieder eine neue Währung“, berichtet Banker Karl Herburger. Doch er nahm sich viel Zeit, um den Sinn der Sache zu erklären. Schließlich gibt es in fast keinem Dorf von der Grösse Langeneggs noch einen Dorfladen.

Erst ab 3.000 bis 5.000 Einwohnern gilt ein Geschäft als rentabel, und auch das nur, wenn der nächste Discounter weit genug weg ist. In Langenegg dagegen verdienen beim Supermarkt “Adeg“ immerhin neun Leute ihr Geld, davon drei Azubis. Und auch das Geldhaus hat drei Angestellte.

“Wir als Bank leben vor allem vom Laden und umgekehrt. Wenn es den Laden nicht gäbe, würden die Leute anderswohin fahren und unsere Dienstleistung viel weniger in Anspruch nehmen“, ist der Banker überzeugt.

Insgesamt 150 Jobs hat Langenegg in den vergangenen Jahren durch eine gezielte Förderung der regionalen Wirtschaftskreisläufe geschaffen, schätzt der Bürgermeister.

Neben der eigenen Währung haben dazu vor allem auch günstige Gewerbemieten in den dorfeigenen Gebäuden beigetragen, die die Gemeinde auf den Feldern des friedensstiftenden Bauern errichtet hat. In einem davon hat Jutta Sutterlüti ihren Arbeitsplatz. Sie sitzt an der Kasse des erstaunlich gut sortierten Supermarkts, der in einem schicken Glas-Holz-Neubau untergebracht ist und viel Tageslicht hereinlässt. Bei ihren Architekturentscheidungen spielte für die Volksvertreter nicht nur die Ästhetik eine entscheidende Rolle, sondern sie verlangten auch eine energiesparende Passivbauweise sowie die Verwendung von Holz aus der Umgebung.„Das alles hat nur 1,2 Prozent höhere Kosten verursacht“, betont Bürgermeister Moosbrugger.

Auch den Verkehr zu reduzieren hat hohe Priorität für die Langenegger Abgeordneten. Deshalb sind Bustickets hier sehr billig, und Vereine, die für einen gemeinsamen Ausflug öffentliche Verkehrsmittel nutzen, bekommen Zuschüsse – in Talenten selbstverständlich. Auch das kleine Dienstauto des Bürgermeisters kann von jedem Einwohner ausgeliehen werden. Einen erheblichen Teil der täglichen Einkaufswege legen die Langenegger dank des guten Angebots aber eh zu Fuss zurück. So wandern inzwischen jährlich allein im Supermarkt Talente im Wert von etwa 150.000 Euro durch die Hände von Jutta Sutterlüti und ihren Kolleginnen – mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes. “Vor allem Mitte des Monats, wenn die Leute das Geld drüben abholen, ist es hier voll“, berichtet die junge Frau mit dem Kurzhaarschnitt und zeigt auf ein Fach in ihrer Kassenlade, wo sie die Talent-Scheine farblich geordnet einsortiert hat. Auf ungerade Beträge gibt sie Centmünzen heraus. “Kompliziert ist das alles nicht.“

130 Betriebe und 600 Familien machen mit

Die Geschäftsleute versuchen nun ihrerseits, Lieferanten oder Dienstleister aus Vorarlberg zu finden, die Talente annehmen – denn als Verrechnungseinheit eines Tauschrings existiert die Währung bundeslandweit schon seit 1996.

Zunächst als erweiterte Nachbarschaftshilfe von drei Dutzend Menschen konzipiert, ging es ursprünglich darum, Zeit zu tauschen: eine Stunde Rasenmähen gegen eine Stunde Babysitten oder Waschmaschine reparieren. Doch längst ist das System erweitert und zu einem bedeutenden regionalen Wirtschaftsfaktor geworden: Neben 600 Familien nehmen daran auch 130 Betriebe teil. Angebot und Suchaufträge laufen über die monatliche Mitgliedszeitung oder das Internet, auch die Konten werden online geführt.

Dabei gilt die Umrechnungseinheit: Eine Stunde sind 100 Talente, was etwa 8,70 Euro entspricht und auch in entsprechende Waren und Dienstleistungen umgewandelt werden kann.


Allerdings haben nur Geschäftsleute die Möglichkeit, Talente zurück in Euro zu verwandeln – und das kostet Gebühren. Lieber beziehen sie deshalb möglichst viel Waren und Dienstleistungen, die es gegen Talente gibt, sei es Mehl von einer beteiligten Kornmühle oder die Autoreparatur in Langenegg. Privatleute wie der 72-jährige Dieter Fessler, der “Reparaturen fast aller Art“ anbietet, hat seine Talente gegen ein ÖPNV-Abo und die Organisation einer Geburtstagsfeier eingetauscht.


In der Wirtschaftskrise hat unser System deutlich profitiert“, berichtet Rolf Schilling, Vorstandsmitglied im Regiogeldverband und einer der führenden Köpfe in der Vorarlberger Tauschszene, der grössten in Europa. Als die Banken auf dem Weltmarkt zu crashen drohten, sprang der Umsatz mit Talenten um 40 Prozent nach oben. Auch Autos wechselten schon gegen Talente den Besitzer, und ein erster Vermieter akzeptiert die Regionalwährung ebenfalls.

 

Video mit Herrn Nussbaum, dem Verantwortlichen für Enegie und Regionale Währung:

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Reise nach Langenegg, Bericht des Vereins Regiogeld: Download


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