Zins und Zinseszins

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Ein schleichendes, unterschwelliges Krebsgeschwür
frisst seit Jahrzehnten am lebendigen Organismus Mutter Erde, an der dritten Welt, den Frauen und an der arbeitenden und lohnabhängigen Bevölkerung. Es ist unser Zinssystem, welches unser Leben in einem unglaublichen und unerkannten Ausmass bestimmt. Wir nehmen die Diagnose hin als wäre sie gottgegeben und die Ursache bleibt den meisten verborgen. Daher ist auch keine Heilung möglich. Wenn wir aber die Ursachen erkennen, können wir etwas für die Heilung dieser Krankheit tun. Ursprünglich war der Zins gedacht als «Belohnung» oder «Anreiz» für die Kapitaleigentümer, damit diese ihr Kapital wieder in den Wirtschaftskreislauf einspeisen und über diesen Umweg ihr Geld der Allgemeinheit wieder zur Verfügung steht.
Leider ist der Zins für diesen Kreislauf ein denkbar ungeeignetes Mittel, denn Kapitalbesitzer stellen ihr Geld nur bei hohem Zins zur Verfügung, bei tiefem Zins gehen sie mit ihrem Geld lieber dahin, wo fette Gewinne winken, wie im Casino. Damit entziehen Sie das Geld der Allgemeinheit. Es fehlt, obgleich es ja im Übermass vorhanden wäre.

Ein grosses Problem liegt darin, dass wir seit hunderten von Jahren das Gefühl haben, Geld und Zins gehören zusammen, das Eine ist für uns ohne das Andere nicht mehr vorstellbar. Geld und Zins sind aber zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Wenn wir unser Geld zu 1% anlegen und den jährlichen Zins immer stehen lassen, d.h. nicht entnehmen, verdoppelt sich das ursprüngliche Kapital in 72 Jahren, bei 3 % in 24 Jahren, bei 6 % in 12 Jahren und bei 12 % in 6 Jahren.
12 % ist eine Rendite, die an der Börse in den letzten Jahren durchaus erreicht wurde.
Joseph Ackermann, der CEO der Deutschen Bank, hält sogar eine Rendite von 25 % für durchaus erstrebenswert.

Stellen sie sich einmal vor: Wenn Josef für Jesus einen Rappen auf einem Bankbüchlein im Jahr Null zu 5 % Zins angelegt hätte, wie viel hätte Jesus im Jahr 1990 von seinem Bankbüchlein abheben können?

134 Milliarden Mal das Gewicht der Erdkugel aus Gold.

Das Problem ist nur, dass es auf der Erde nicht 134 Milliarden Mal die Erde aus Gold gibt. Die Erde ist begrenzt, aber das Wachstum von Kapital mit Zins und Zinseszins ist unbegrenzt und unterliegt einer exponentiellen Wachstumsdynamik.

Das ist auch ein Grund, weshalb alle grossen Kulturen der Geschichte dem Zins kritisch gegenüberstanden, ihn zum Teil sogar mit einem Verbot belegten. In der islamischen Welt gilt das Zinsverbot bis heute.

 

Wenn wir das Gesetz von Zins auf Zinseszins verstanden haben, dann haben wir verstanden, dass etwas nicht funktionieren kann mit unserem Zinssystem. Nur leider hören wir nicht hin, wenn über diese Probleme gesprochen wird, wir sehen nicht, was sich vor unsern Augen an Ungeheuerlichkeiten tagtäglich abspielt – weil es so normal ist – und wir sprechen nicht über die Probleme, die ein Zinssystem mit sich bringt. Die Probleme der Dynamik des Zinssystems lösen sich aber nicht, indem wir den Kopf in den Sand stecken.


Ein Grund für die Schwierigkeit, den Zins- und Zinseszinsmechanismus vollständig zu verstehen, liegt darin, dass seine Folgen verdeckt sind. Die meisten Menschen glauben, nur dann zinspflichtig zu sein, wenn sie Geld borgen und meinen, keine Zinsen zahlen zu müssen, wenn sie sich nicht verschulden. Doch dies ist ein verhängnisvoller Irrtum, denn bei allen Gütern und Dienstleistungen, die wir kaufen, bezahlen wir über den Preis die Kapitalkosten des Produktes, entsprechend der Höhe des jeweiligen Kapitaleinsatzes.


Ein Beispiel: Wenn der Bauer Milch produziert benötigt er Vieh, Ställe, und Maschinen. Um diese Dinge zu kaufen, benötigt er Kredite. Um die Zinsen bezahlen zu können verlangt er für die Milch einen Preis in dem seine Kapitalkosten enthalten sind. Er bringt die Milch in die Molkerei, die wiederum ihre Kapitalkosten auf den Preis der Milch abwälzt. Die Milch kommt in den Grossverteiler und auch der muss über seine Preise seine Kapitalkosten bezahlen. Wenn also ein Produkt beim Kunden ankommt, bezahlt dieser im Durchschnitt 30% bis 50 % versteckte Kapitalkosten, also Zinsen auf jedem Produkt.


Bankanzeigen und Werbung wecken in uns die Illusion, dass Geld für uns arbeitet, oder dass es sich auf eine andere, wundersame Weise vermehren kann. Genau betrachtet gilt dies für ungefähr 15 % der Bevölkerung, für 85% ist das bestehende Zinssystem ein Verlustgeschäft, wie die untenstehende Tabelle aufzeigt. Die Berechnung bezieht sich auf Westdeutschland 1990, ist aber nach wie vor gültig:



Ein Beispiel:

Eine Familie mit zwei Kindern hat jährlich ca Fr 70’000.– Lebensunterhaltskosten.

Als Reserve oder in Form einer Altersrente legt sie Fr 100’000.– an.

In den Fr 70'000.–, die sie jährlich ausgibt für Wohnung, Essen, Ausbildungen und Ferien sind im Durchschnitt 30% Zins enthalten. Also: Fr 21’000.–

Für die Reserve erhält sie bei 5 % jährlich Fr 5000.–, bei 3,5 % Fr 3’500.–.

Also gibt sie zwischen Fr 16’000.– und Fr 17'500.– für versteckte Zinsen aus.

Was wir in dieser Rechnung noch nicht berücksichtigt haben, sind die Zinsen, die wir über die Steuern bezahlen, denn die Verschuldung unseres Staates und unserer Sozial- Versicherungen ist immens. Die gesamten Staatsschulden der Schweiz betragen 2009: 250’000’000'000.– (250 Milliarden), das heisst:

Fr 31'250.– pro Person (inkl. Kinder)

Fr 125'000.– für vier Personen

Fr 6’250.– Zinsbelastung bei 5 % im Jahr

Mit anderen Worten: unsere Familie muss Fr. 6’250.– über die Steuern an die Zinskosten des Staates bezahlen.

Unsere Familie bezahlt also jährlich bei einem Zinssatz von 5 % verdeckte Zinsen von ca Fr 27'000.–.

Wenn wir die Steuergelder für die Fürsorge und die Belastung für die AHV, die zweite Säule, die Arbeitslosen- und Invalidenversicherungen, die eine Familie belasten, dazurechnen, kommen wir dem Kreislauf der Stressbelastung langsam auf die Spur. Wer diesem Kreislauf nicht gewachsen ist, wird “ausgesteuert“.


Die Welt und ihre Vorräte sind nicht unendlich. Bäume oder Menschen wachsen nicht in den Himmel. Materielles Wachstum ist begrenzt. Nur Finanzvermögen sollten unbegrenzt wachsen. Dieses Wachstum ist vergleichbar mit dem Wachstum von Krebszellen. Diese vermehren sich, indem sie sich in bestimmten Zeitabständen verdoppeln und sie sterben erst, wenn ihr Wirt mit ihnen stirbt.

Je älter ein Währungssystem aufrecht erhalten bleibt, desto folgenschwerer sind seine Auswirkungen auf die Natur und die Menschen. Unser Währungssystem ist seit sechzig Jahren unverändert geblieben, und wir können gut verfolgen, wie die Schraube sich von Jahr zu Jahr weiter dreht.


Das Geld für Zinszahlungen fehlt. Es muss eingespart werden. An diesem Sparprogramm beteiligen sich die grossen Vermögen, zum Beispiel die Gläubiger der Staatsanleihen, allerdings nicht. Ihre Forderungen nach Zinszahlungen müssen prioritair bedient werden. Gespart, und gekürzt wird auf Kosten sozialer oder kultureller Projekte, meist auf Kosten der sozial Schwächsten und immer mehr auf Kosten des Mittelstandes. Besonders stossend daran ist, dass die Vermehrung der Einkünfte durch das Zinseszinsmodell in den meisten Fällen nichts mit der Leistung derjenigen zu tun hat, die diese Einkünfte generieren. Ihre Vermögen wachsen täglich und nächtlich, ob sie nun Golf spielen, Tee trinken oder schlafen.

Eigentlich handelt es sich um leistungsloses Einkommen und es wäre mindestens die Frage erlaubt, was diese denn in einer Leistungsgesellschaft zu suchen haben. Die so gewonnenen, schwindelerregenden Summen an Geld verschwinden steuerfrei an den off-shore Finanzplätzen überall auf der Welt. Es findet eine gigantische Umverteilung von Unten nach Oben statt, es geht nicht um Wertschöpfung, sondern um Wertabschöpfung. Wir müssen lernen, zwischen wertschöpfender und wertabschöpfender Wirtschaft zu unterscheiden.


Um die Umlaufsicherung des Geldes also sicherzustellen, braucht es andere Modelle als den Zins.

Oft wird argumentiert, man könne den Zins gegen Null sinken lassen, um den Wachstumszwang zu verringern und die Umweltprobleme zu lösen.

Damit rennen wir in die nächste Falle. Denn so etwas wie «Umwelt» gibt es nicht. Es gibt lediglich eine «Mitwelt», denn ob wir das einsehen oder nicht, wir sind Teil eines grösseren, beseelten Ganzen, das alles miteinschliesst. Diesem Wissen um ein grosses, lebendiges Schöpfungsganzes folgen sogenannt primitive Kulturen überall auf der Welt seit Tausenden von Jahren.

Eine Zinssenkung verringert den Wachstumsdruck in der Wirtschaft und damit den Zwang zu einem immer größeren Ressourcenverbrauch, der mit stetig steigenden Belastungen verbunden ist.

Doch auch bei einer Wirtschaft ohne Wachstum, ja sogar mit rückläufigen Leistungen, bleibt das Problem der Rohstoff- und Energieverschwendung bestehen.

Mit unserem Kaufverhalten, welches sich oft nach dem billigsten Preis richtet, berücksichtigen wir nicht, unter welchen Bedingungen dieser Preis entstanden ist.

Dadurch leben wir auf Kosten der unteren und mittleren Schichten, der Frauen, Kinder, Entwicklungsländer und unserer Mitwelt.


Neben einer konstruktiven Umlaufsicherung des Geldes, mit welcher der Wachstumszwang in unseren Volkswirtschaften verringert werden kann, sind darum direkte Massnahmen zum Schutz der Natur unverzichtbar. Dazu gehören vor allem die eingeführten und diskutierten Ökosteuern und -abgaben, Auflagen und Verbote. Das heisst, die Natur muss mit einem Preis versehen werden, sie darf nicht mehr zum Nulltarif benutzt, verbraucht und belastet werden. Und diesen Preis soll jeder zahlen, der die Natur in Anspruch nimmt.


Mit sinkenden Zinsen und mit Steuern auf Aktienkapitalgewinnen

geht das übersteigerte Wachstum der Geldvermögen zurück und damit auch das der Überschuldung;

➙ verringert sich die Diskrepanz zwischen Arbeit und Besitz, Arm und Reich. Damit verringern sich soziale Spannungen;

➙ werden alle Schulden trag- und rückzahlbarer, was nicht nur für die Dritte Welt von Bedeutung ist;

➙ geht der Zwang zum Wirtschaftswachstum zurück mit dem man heute allein der Verarmung der Arbeitleistenden entgegenwirken kann;

➙ wird die Entwicklung der Wirtschaft immer mehr von den Interessen der nachfragenden und leistenden Menschen bestimmt, und immer weniger von den (Zins-)Interessen des Kapitals.

➙ wird – und das ist ganz entscheidend – ein Wirtschaften ohne Wachstum überhaupt erst möglich. Oder anders ausgedrückt: Erst bei einem Zins um Null können wir uns ein «Nullwachstum» erlauben.

Überall stellt uns nun heute unser rasanter, technischer Fortschritt vor Fragen, die nur durch ein Wachstum in ethischer Hinsicht zu beantworten sind: von der Gentechnologie bis zur Nutzung des Weltraums, der Meere und der Polarzonen; von der Datenverarbeitung bis zum Umgang mit dem Geld. So wie bisher können wir nicht weitermachen. Wir müssen uns etwas grundsätzlich Neues einfallen lassen.


Weitere Informationen dazu im Buch von Margrit Kennedy, Geld ohne Zinsen und Inflation, Seite 213 ff, vgl Bücherliste

 


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